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- Artikel aus dem St. Galler TAGBLATT
Dienstag den 10.Juni 08Alphörner spielten vor dem Anpfiff
Eigens für den EM-Auftakt wurde das Alphorn-Ensemble Graubünden gegründet
Berneck. Unter den Turnern, Musikern und Sängern, welche am Samstag in Basel die Eröffnung der Euro 08 bestritten, waren auch 24 Alphornbläser aus dem Rheintal und aus dem Bündnerland.

Urs Castellazzi mit seinem Alphorn mitten unter den Fans.
Maya Seiler
Um 18 Uhr erfolgte am Samstag der lange erwartete Anpfiff zur Fussball-Europameisterschaft im St.-Jakob-Stadion in Basel. Eingeleitet wurde die EM mit einer offiziellen Eröffnungszeremonie, die allerdings nur dreizehn Minuten dauerte. Voraus ging aber ein dreistündiges Spektakel: Unter Trommelwirbel und zu Jodel- und Alphornklängen ging eine abwechslungsreiche Show über das Spielfeld. Die über 900 Teilnehmer waren in bunte Kostüme und folkloristische Trachten aller Art gekleidet und präsentierten das typischen Bild, welches Touristen mit der Schweiz und mit Österreich assoziieren.
Alphörner aus der Region
Unter den Turnern, Musikern und Sängern waren auch 24 Alphornbläser aus dem Rheintal und aus dem Bündnerland. Diesen Auftritt haben der Bernecker Urs Castellazzi und sein Bündner Kollege Martin Cadonau zustande gebracht. Cadonau hatte bereits im Januar bei der UEFA angefragt, ob bei der Eröffnung nicht Alphornbläser eingesetzt werden könnten, da diese für jeden Fremden untrennbar mit der Vorstellung von der Schweiz verbunden seien. Die Bläser müssten ja nicht unbedingt aus der Ostschweiz kommen; gerade so gut könnten es Basler sein. Die UEFA schrieb ihm eine höfliche Absage. Allerdings konnte Basel nicht die gewünschte Gruppe stellen. Anfang Mai gelangte man darum wieder an Cadonau mit dem Wunsch, für die EM-Eröffnung 36 Alphörner zu stellen. Dieser leitete die Anfrage an Urs Castellazzi weiter, der vor zehn Jahren nach Berneck gezogen war. Er ist aber immer noch Präsident der Alphornbläser Untervaz.
Suche unter Zeitdruck
Obwohl die geforderte Zahl von 36 auf 24 Alphornspieler gesenkt worden war, hatte er immer noch Mühe, so viele Bläser zu mobilisieren. Er hätte der UEFA bis am Mittwoch, 9. Mai, die Zusage geben sollte. Von Montag bis Mittwoch war er täglich bis abends um neun am Herumtelefonieren, hatte aber erst 18 Spielende zusammen. Da sendete er einen Aufruf über Radio Grischa. Nun meldeten sich noch die letzten benötigten Alphornisten, so dass er der UEFA nach einer Woche die Zusage geben konnte.
Damit war das «Alphorn-Ensemble Graubünden» gegründet. Unter den Teilnehmern findet sich neben Urs Castellazzi auch der Alphornspieler Bruno Stark aus Berneck sowie eine Vierergruppe aus Oberriet. In der 24-köpfigen Gruppe spielen auch der Vater und der Schwager von Castellazzi mit. Besonders erfreut zeigte sich dieser über die jüngste Teilnehmerin, eine 18-jährige Bläserin aus Buchs. Der älteste Alphornist ist 69 Jahre alt.
Erinnerung bis ans Lebensende
Für die Gruppe war es ein grandioses Erlebnis. Sie wurden von einer unbeschreiblichen Euphorie getragen. Zweimal fuhren sie in der vergangene Woche zum Proben nach Basel, ohne einen Rappen Entschädigung, notabene.
Sie konnten den eigens komponierten Song «Euro 08» nie vor den Proben gemeinsam üben. Aber am Samstag ging alles gut. Natürlich gab es einen Riesen-Applaus. Zurück bleibt die Erinnerung an einen grandiosen Anlass, wie ihn sonst keiner der Beteiligten je hätte erleben könne, denn die EM ist hinter der Olympiade und der WM das weltweit drittgrösste Sportereignis. Auch bleibt den Mitgliedern des Alphorn-Ensembles das Kostüm ihres Auftritts: Sie trugen einen kompletten Fussballdress mit Fussballschuhen. Ein Trachtenhut und ein geschnürtes Gilet gaben den folkloristischen Anstrich. Auch wenn ihr Auftritt im Fernsehen kaum zu sehen war, bereitete das Spielen vor über 31 500 Zuschauern Empfindungen, welche bei jedem Beteiligten bis ans Lebensende wach bleiben werden.
Welches Bild vom ersten Spieltag wird länger haften bleiben: die Alphörner von der Eröffnungsfeier oder der weinende Alex Frei? Wahrscheinlich Letzteres.
Geteiltes Leid, halbes Leid?
Die Europa-Meisterschaft ist für den Meisterstürmer vorbei. "Schweiz verlor alles - Auftaktspiel und Star", schrieb die österreichische "Kronenzeitung" am Tag danach. Einen Schritt vom Alphorn zum Alptraum stellt die "Bild"-Zeitung fest, und auch andere deutsche Blätter bedauern nun die "Leidgenossen". "Die ganze Schweiz weint mit Frei", versuchte die "Sonntags-Zeitung" am 8. Juni zu trösten.